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Europa wurde geprägt durch wandernde Völker, die sich für einige
Generationen ansiedelten und dann auf der Suche nach einer besseren Zukunft
weiterzogen. Die verbleibenden Völker wiederum hatten es mit neuen Einwanderern
zu tun, die sich auf unterschiedlichen Wegen mit verschiedenen Zielen,
Bedürfnissen und Traditionen hier niederließen.
Waren es im letzten Jahrhundert vor allem das Bedürfnis nach
freier politischer und wirtschaftlicher Betätigung, der Aufbau von
Handelsbeziehungen und die Suche nach einem gesicherten Leben, die viele
Europäer dazu trieb, ihr Geburtsland zu verlassen, so kamen in jüngster Zeit
unzählige Menschen aus aller Welt nach Europa. Zugleich sind im Zuge des
Zusammenwachsens Europas Wanderungsbewegungen zu verzeichnen, die eine Vielfalt
an unterschiedlichsten Identitäten und Identitätswahrnehmungen mit sich
bringen.
Bereits 1977 hat der Anthropologe Claude Lévi-Strauss mit
gesellschaftlichen Umbrüchen verbundene Identitätskrisen diagnostiziert.
Zugleich auch deren „hochstaplerische Ausschlachtung als Modethema“
angeprangert. Seither ist die Rede vom „fragmentierten“ Subjekt und die
Dekonstruktion kohärenter und stabiler Identitäten als Kernargumente des
postmodernen Denkens vorangetrieben worden, während in der sozial- und
kulturwissenschaftlichen Diskussion von der zunehmenden „Fragilität“ von
Identität in der Moderne gesprochen wird. In Feuilleton und politischen
Diskursen ist der Begriff „Identität“ zu einem Codewort für alle möglichen
Aspekte gesellschaftlicher Selbstreflexion geworden.
In einerseits zunehmend globaleren Lebensformen, in wachsenden
kulturellen Konflikten andererseits ist gerade persönliche wie soziale
Identität ein wesentliches Kernthema im Umgang miteinander. Eine
Zwanzigjähriger, der in Berlin lebt, in Paris geboren ist, deren Eltern aus
West-Indies stammen, sehnt sich danach frei zu sein. „It is very sad to come from only one
country.“ Gesellschaften befinden sich im Umbruch –
es gilt Identität neu zu definieren.
Die Identitätskontrollstelle nimmt sich diesem Thema an. Sie startete im Juni 2003 ihre Arbeit in Berlin und setzt diese
an anderen Orten und in anderen Ländern Europas fort. Auch dort stellt sie
Fragen nach Identität und Utopie von Identität.

Menschen sind aufgefordert, Angaben zu ihrer
Identität abzugeben. Sie werden fotografiert, vierfach mit unterschiedlichsten
Belichtungszeiten, die Hautfarben verändern sich auf den Bildern. Was ist deren
wirkliche äußere Identität? Sie formulieren in einem Fragebogen, was ihre
persönliche, was ihre soziale Identität bestimmt, zudem ihre Utopie von
Identität. Ihre Blutzusammensetzung wird abgefragt. Eine in Hamburg geborene
Chinesin trägt ein: 100 % Chinesisch, 100% Deutsch. Ein in Wisconsin geborener
Amerikaner trägt ein 100% Amerikanisch, 25 % Italienisch, 25% Irisch, 25%
Schwedisch, 25% Deutsch. Zudem müssen Sie DNA-fähiges Material abgeben. Eine
Sammlung entsteht. Was ist Identität?
Die zentrale Identitätenkontrollstelle
ist die Installation eines Amtszimmers. An den Wänden hängen so genannte
Identitätsblätter, die Angaben über Merkmale der genetischen, persönlichen und
sozialen Identität der Besucher enthalten. Vier Passbilder kleben in der
rechten oberen Ecke, in einem Plastikbeutel befindet sich "DNA-fähiges Material":
eine Zigarettenkippe, Hautfetzen, Fingernägel, Blut, Speichel oder
Haarsträhnen. Neonröhren strahlen einen Schreibtisch an.
Identität auf dem Prüfstand heißt,
Menschen persönlich nach ihrer Identität zu befragen. Die weltweit erste
Identitätenkontrollstelle wurde als Rauminstallation im Juni 2003 in Berlin
eröffnet. Menschen werden dort zu ihrer Identität befragt und haben die
Möglichkeit, Einblicke in die Identitätsangaben von anderen zu nehmen.
Für die Reise in andere Länder wurde eine mobile
Identitätsstelle eingerichtet: Ein im öffentlichen Raum auffallender,
signal-oranger Rollwagen-Schreibtisch mit Schreibmaschine, Fotoapparat und
Identitätsfragebögen wird zur Kontrollstelle und Installation. Passanten werden
aufgefordert, Angaben zu ihrer Identität abzugeben. Bereits ausgefüllte
Fragebögen und Fotos können an Ort und Stelle eingesehen werden.
Diese mobile Identitätskontrollstelle reist quer durch Europa,
macht an verschiedenen Orten Station, nimmt Menschen unterschiedlichster Nationalität,
unterschiedlichster sozialer Herkunft in diese Identitäts-Fragebögen auf und
präsentiert die Kontrollarbeit aus anderen Städten und Orten. Die Installation
ist Identitätskontrollstelle und Ausstellungsort zugleich. Besucher haben dort die
Möglichkeit, persönlich Fragen zu ihrer Identität zu beantworten, aber auch die
Antworten anderer Menschen zu lesen. Zudem ist das Auftreten im Öffentlichen
Raum Blickfang und Fragezeichen auch für andere Menschen.
2005 begann sie ihre Arbeit in Prag, von wo aus weitere Länder
angesteuert wurden. Wie stellen sich Fragen nach Identität, welche Utopien von
Identität formulieren Menschen andernorts?

Der zentrale Identity
Checkpoint, sowie Ergebnisse der mobilen Identitätenkontrollstelle waren in
der Ausstellung BORN IN EUROPA vom 20.August bis 17.Oktober 2004 im
Martin-Gropius-Bau in Berlin präsentiert, sowie in einer Einzelausstellung in
der Arbeitsgalerie Berlin.
Der mobile Identity
Checkpoint war bisher in Prag, Bratislava, Budapest auf Einladung der
Goethe-Institute und im Rahmen einer Performance zur Langen Nacht der Museen im
Martin-Gropius-Bau Berlin zu sehen.