…oder die Kunst, einfach da zu sein

Foto: Peter Kees
Ich erkläre die Bäckerei Kollwitz samt ihren Gästen zu einem
Kunstwerk.
Eine Oase in Berlin, arkadisch.
Ein Ort des Müßiggangs. Begegnungs- und Transferstelle. Leute kommen und Leute
gehen. Manche bleiben länger sitzen, manche kürzer, trinken Kaffee, lesen
Zeitung oder kommen ins Gespräch. Einige verweilen, bleiben, auch wenn der
Bäcker längst schon Schluss hat. Austausch. Gleichzeitig: Promenade. Andere
gehen vorüber. Manch einer gesellt sich hinzu. Alle, die da sind, sind einfach
da, als ein Teil vom Ganzen, Individuen als Teil eines urbanen Systems.
Die Bäckerei Kollwitz - ein
Fundstück. Sie wird von mir zur Kunst erklärt.
Marcel Duchamp führt 1914 mit
seinem Flaschentrockner ein Ready-made in die Kunst ein. Das ist kein vom Künstler geschaffenes, sondern von ihm ohne jedes
ästhetische Vorurteil ausgesuchtes Alltagsobjekt. Gleichzeitig zählen zu
den berühmtesten Werken zeitgenössischer Kunst Damien Hirst´s in Formaldehyd
eingelegter Tigerhai The Physical Impossibility of Death in the Mind of
Someone Living und das in gleicher Weise präparierte Schaf Away from the
Flock.
Diesen Umgang mit ausgesuchten
Objekten in der Kunst umgibt seither ein Diskurs in ästhetischen
Fragestellungen, der sich zwischen Mythos und Ready-made bewegt. Eine damit
verbundene Erkundung der Kunst ist auch eine Erkundung der Gegenwart.
Die Erklärung eines alltäglichen
Ortes zur Kunst, selbst das Weglassen des Ausstellungsortes, der Galerie oder
des Museums, das Weglassen des Transformationsprozesses ist eine Entscheidung,
die sogar eingreift in eine politische Dimension: Das Sitzen, Untätig-Sein,
Einfach-Da-Sein ist strukturell ein gesellschaftlicher Vorgang, oder schlicht
die Kunst des Menschen, einfach da zu sein.
Sie alle sind eingeladen,
einfach da zu sein.
Es spricht: Dr. Rolf
Külz-Mackenzie, Kurator
Eröffnung: 25.09.08, 18Uhr, Bäckerei Kollwitz, Sredzkistraße 51, 10435 Berlin
(Ecke Kollwitzstraße)
...or
the art just being there
Peter Kees declares the Kollwitz bakery including all
the guests to be an art object.
An Arcadian oasis in Berlin. A place of faineance. A place to encounter and
exchange.
People come and go. Some only stay for a short time, some stay longer, they are
drinking coffee, reading the newspaper or chatting. Some of them even stay
after the bakery closed. Interchange and promenade at the same time. Other
people are passing by. Some spontaneously join the scenario. Everybody here is
part of an ensemble, individuals as a part of an urban system.
The Kollwitz bakery – a real discovery. I declare this
to art.
1914 Marcel Duchamp introduced his Bottle Rack as the
first Readymade to art. This was not a piece of art which was made by the
artist, it was an everyday-life-object, selected without any esthetical
prejudices. Coeval the most famous works of modern art, are Damien Hirst`s
formaldehyde preserved shark called The Physical Impossibility of Death in the
Mind of Someone Living, and the sheep called Away from the Flock, which was
prepared in the same way.
This exposure to exclusive objects in art caused a
discourse of esthetic manner, about myth, Readymades and the in-between. This
discussion provoked the investigation of the Presence in art.
Leaving out the place of issue, like a gallery or a
museum and leaving out the process of
transformation, the declaration of a common place to art is a decision of
political dimension. The sitting there, being there, doing nothing, is a social
act, or simply the art of human entity.
You are all invited to just be there.
Dissertation of Dr. Rolf Külz-Mackenzie, curator




Fotos: Till Budde,
www.tillbudde.com, entstanden bei der Eröffnung am 25.September 08
Peter Kees – „...oder die Kunst,
einfach da zu sein“
Verehrte Gäste und Teilnehmer
der heutigen Aktion
„... oder die Kunst, einfach da
zu sein“ von Peter Kees.
Einfach da sein, diessein, das
Sein, jensein, dortsein, das Dasein und das Jensein oder Jenseits? Dies und das
Sein, Sein oder Nichtsein, alles Fundstücke auch dem sprachlichen Fundus des
deutschen Gestammels zur Verunständigung. Alles im Grunde Albernheiten, alles
DaDa, GaGa, nicht so gekonnt wie von Ernst Jandl, Gerd Jonke oder auch Gerhard
Rühm, die ja auch das Wiener Kaffeehaus zu ihrem Wohnzimmer erklären konnten,
in der Stadt, die das Kaffeehaus im
eigentlichen Sinne erfunden hat im 19. Jahrhundert um, wie es der
Schriftsteller Peter Altenberg um die Wende zum 20. Jahrhundert beschrieben hat
„nicht zu Hause und doch nicht an der frischen Luft“ zu sein. Dass wir hier in
der Bäckerei sogar an der Luft sitzen können, auch wenn sie nicht immer so
frisch, derzeit eher kalt ist, steht auf einem anderen Blatt. Dieses Kaffeehaus
stellt für unseren Künstler schon, und eben ein wenig auch im Sinne Marcel
Duchamp’s eine besondere Form des „ready made“ oder „objet trouvé“ dar. Das
Skulpturale der Fountain, des Pinkelbeckens von Duchamp beispielsweise, wird
hier erweitert um einen Ort der Begegnungen, ein Kaffeehaus, den Ort des
Müssigganges, welches der Künstler zur „sozialen Plastik“ im Sinne von Joseph
Beuys erklärt. Nach Beuys kann demnach jeder Mensch durch kreatives Handeln zum
Wohl der Gemeinschaft beitragen und dadurch „plastizierend“ auf die
Gesellschaft einwirken. Ob dies hier an diesem Ort über die blosse Schwätzerei
hinaus wirklich so stattfindet, das mag ich (noch) nicht beurteilen. Aber auch
das Geschwätz erfüllt gelegentlich eine soziale Funktion, wie jede Form der
Kommunikation.
Wir brauchen in der Fortführung der Ideen von Beuys eine
sozial verantwortliche Kunst und Kultur, die sich nicht zurückdrängen lässt
gegenüber Kommerz und Repräsentation, neben Kunstangeboten für die
Pseudoeliten, neben der Erlebniskultur. Es geht nicht darum, ob meinesgleichen
Musicalbesucher oder Gäste der „O2Arena“ für dumm halten. Nein, die Menschen in
der Eventkultur sind nicht dumm, sie werden aber von den Managern der Kultur-
und Freizeitindustrie mit grossem Geschick für dumm verkauft, indem sie ihnen
Dummes verkaufen und sich dabei gerne auf die „Akzeptanz“ ihrer Produkte bei
den Konsumenten berufen, die
entfesselte Kommerzialisierung des Kunstbetriebs, die Trivialität des Marktes.
Mit der Direktversteigerung seiner eigenen Werke für 140 Millionen EURO hat
Damien Hirst soeben einen Exterembeleg dafür vorgeführt. Hier gegen steht eine
Seinsfrage wie eben die nach
„... oder die Kunst, einfach da
zu sein?“ den Titel dieser Aktion, dem ich ein Fragezeichen angefügt habe.
Es geht eben nicht darum, dass sich Kunst und Kultur
heutzutage ununterbrochen vor einer Politik legitimieren sollen, die selten
mehr ist als die Lobby von Industrie und Handel, sondern darum, dass Künstler
mit subversiven Aktionen beispielsweise den inhumanen Raubtierkapitalismus bzw.
Ökonomie und Politik in Frage stellen (müssen).
Nun könnte man im Sinne der
klugen Nichtsnutze oder gar der Schnorrer dazu feststellen, dass der Künstler –
hier also Peter Kees - möglicherweise sich so seinen Kaffee, sein Bier, seinen
Tisch mit Gebäck oder kleiner Brotzeit zum kostenfreien Vergnügen erschleichen
wollte. Die Berliner Boheme lässt grüssen? Aber ganz so einfach ist es nicht,
zumal die heutigen Künstler sich ihr Essen und Trinken selbst bezahlen müssen
und wollen. Und Müssiggang ist ganz und gar nicht, wie es im bekannten
Sprichwort heisst, „aller Laster Anfang“. In Zeiten, da zur Erzeugung der
notwendigen Güter immer weniger Arbeit erforderlich ist, lautet die allgemeine
Forderung heute nicht „weniger Arbeit für Alle", sondern „mehr Arbeit für
weniger Menschen“ auch (leider) statt „Kultur für alle!“ Während
Arbeit das Kürzel für fremdbestimmtes Tun darstellt, zielt Musse auf
selbstbestimmtes Leben und Müssiggang kann produktive Phantasien freisetzen,
die eben nicht nur Verwertungsprozessen unterworfen sind, sondern sich der
Fortentwicklung des menschlichen Miteinander widmen.
Möglich ist aber auch - ich
spekuliere einmal frei Schnautze -, dass hier Wandlungsprozesse der Urbanität
darstellbar werden, die Freiräume in der Stadt, die noch gerade ein wenig
Allgemeingut und öffentliche Orte darstellen, wie sie Jürgen Habermas in seiner
Habilschrift „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ als bürgerliche
Errungenschaften bereits 1962 beschrieben hat.
Mit der modernen Urbanisierung im Zuge der
Industrialisierung im 19. Jahrhunderts haben sich Entfremdungsprozesse in die
menschliche Interaktion eingeschlichen, die ihre Ursachen in den Auswüchsen des
fortgeschrittenen Kapitalismus und der Ökonomisierung und Verdinglichung
unserer Lebenswelt haben. Der amerikanische Soziologe Richard Sennett bietet
darüber hinausgehende Erklärungen an, die sich auch mit der sich verändernden
städtischen Architektur sowie der gesellschaftlichen Ansichten und deren
entsprechenden Ausdrucks- und Umgangsformen während der letzten drei
Jahrhunderte auseinandersetzen. Bereits in seinem 1977 erschienen Buch „Verfall
und Ende des öffentlichen Lebens. Die Tyrannei der Intimität“ stellt er zum
Beispiel die These auf, unserer Gesellschaft würde es eher an Distanz als an
Nähe mangeln, sie sei geprägt von einer „intimen Sichtweise“, deren Folgen u.a. die
zunehmende Trennung zwischen privatem und öffentlichem Leben sind. Öffentliche Orte – z. B.
ein Kaffeehaus als Treffpunkt im Sinne Altenburgers Wohnzimmer -, an denen
Nachdenken im Verbund mit zwischenmenschlicher Kommunikation zwangfrei
stattfinden können, gewinnen in diesem Sinne einen beinahe therapeutischen
Charakter. Damit
will ich es belassen Sie mit Hinweisen auf Theorien zu belasten und auf das
blosse „einfach da zu sein“ zurückführen.
Peter Kess beschäftigt sich u.a.
(seit langem) immer wieder mit der Frage „zu sein, raum- und zeitgebunden, an
einem bestimmten Ort, zu einer bestimmten Zeit und damit Strukturen
vorzufinden, die man sich erst einmal so nicht ausgesucht hat. Individuum versus
Strukturen.“ Er sagt dazu im Weiteren „Was mir natürlich gefällt, ist, dass
sich immer wieder Eigenheiten bilden, dass es solche Fundstücke wie die
Bäckerei Kollwitz gibt. Dinge, die eigene Strukturen entwickeln ... ja und
damit einen Teil des Ganzen bilden.“
Ich würde dazu ergänzen wollen,
dass die soziale Zusammenkunft in der Bäckerei nicht nur zufällig ist. Ein
nicht ganz so schicker Laden zieht die nicht so schicken Leutchen vom
Prenzelberg, die es eben auch (noch?) gibt, an, wo doch das Umfeld längst
gentrifiziert ist, wie es so schön neudeutsch heisst. Das heisst auch, dass
Peter Kees da ein Sein als object trouvé definiert, dass so von ihm (geistig/
in seiner Phantasie oder meinetwegen gelegentlich auch produktiven Spinnerei)
bearbeitet ist, wie das Pissoir/Fountain von Marcel Duchamp. Dies hat Duchamp
nämlich durchaus auch ein wenig bearbeitet, zugerichtet für seine Zwecke der
Aufmerksamkeit. So also richtet Kees auch seine inszenierte Fotografie als
inszenierte Dokumentation des Kaffee-Alltags ebenfalls zu. So können wir also
die Strukturen jetzt definieren, suchen oder herstellen. Lasst uns darüber
einen Faden der Ariadne spinnen und wir kommen vielleicht nach Arkadien oder
zumindest nach Naxos. Dies ist auch so ein Projekt von Peter Kees - die
„Arkadische Botschaft“ -, aber dazu können Sie ihn hier und jetzt selbst
befragen.
Es soll hier übrigens unter den
Stammgästen des Kaffeehauses auch eine Schriftstellerin geben, die gerade auf
Naxos weilt, die dort sogar ein Haus haben soll, vielleicht kommt sie bald mit
einem neuen Faden zurück hierher?
Berlin, 25. September 2008
Rolf Külz-Mackenzie
© Alle Rechte beim Autor: Rolf Külz-Mackenzie, Berlin 2008
in Zusammenarbeit mit der
Galerie
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