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Oder die Kunst, einfach da zu sein... /

Or the art just being there...

 

 

Ich erkläre die Bäckerei Kollwitz samt ihren Gästen zu einem Kunstwerk.

Marcel Duchamp führt 1914 mit seinem Flaschentrockner ein Ready-made in die Kunst ein. Das ist kein vom Künstler geschaffenes, sondern von ihm ohne jedes ästhetische Vorurteil ausgesuchtes Alltagsobjekt. Gleichzeitig zählen zu den berühmtesten Werken zeitgenössischer Kunst Damien Hirst´s in Formaldehyd eingelegter Tigerhai The Physical Impossibility of Death in the Mind of Someone Living und das in gleicher Weise präparierte Schaf Away from the Flock.

Diesen Umgang mit ausgesuchten Objekten in der Kunst umgibt seither ein Diskurs in ästhetischen Fragestellungen, der sich zwischen Mythos und Ready-made bewegt. Eine damit verbundene Erkundung der Kunst ist auch eine Erkundung der Gegenwart.

Die Erklärung eines alltäglichen Ortes zur Kunst, selbst das Weglassen des Ausstellungsortes, der Galerie oder des Museums, das Weglassen des Transformationsprozesses ist eine Entscheidung, die sogar eingreift in eine politische Dimension: Das Sitzen, Untätig-Sein, Einfach-Da-Sein ist strukturell ein gesellschaftlicher Vorgang, oder schlicht die Kunst des Menschen, einfach da zu sein.

Eröffnung: 25.09.08, 18Uhr, Bäckerei Kollwitz, Sredzkistraße 51, 10435 Berlin (Ecke Kollwitzstraße)

 

Peter Kees declares the Kollwitz bakery including all the guests to be an art object.

1914 Marcel Duchamp introduced his Bottle Rack as the first Readymade to art. This was not a piece of art which was made by the artist, it was an everyday-life-object, selected without any esthetical prejudices. Coeval the most famous works of modern art, are Damien Hirst`s formaldehyde preserved shark called The Physical Impossibility of Death in the Mind of Someone Living, and the sheep called Away from the Flock, which was prepared in the same way.

This exposure to exclusive objects in art caused a discourse of esthetic manner, about myth, Readymades and the in-between. This discussion provoked the investigation of the Presence in art.

Leaving out the place of issue, like a gallery or a museum and leaving out the process of transformation, the declaration of a common place to art is a decision of political dimension. The sitting there, being there, doing nothing, is a social act, or simply the art of human entity.

 

Beitrag der ARD

 

  

  

 

Fotos: Till Budde, www.tillbudde.com, entstanden bei der Eröffnung am 25.September 08

 

 

 

Dr. Rolf Kühlz-Mackenzie

Peter Kees – „...oder die Kunst, einfach da zu sein“

 

Verehrte Gäste und Teilnehmer der heutigen Aktion

„... oder die Kunst, einfach da zu sein“ von Peter Kees.

 

Einfach da sein, diessein, das Sein, jensein, dortsein, das Dasein und das Jensein oder Jenseits? Dies und das Sein, Sein oder Nichtsein, alles Fundstücke auch dem sprachlichen Fundus des deutschen Gestammels zur Verunständigung. Alles im Grunde Albernheiten, alles DaDa, GaGa, nicht so gekonnt wie von Ernst Jandl, Gerd Jonke oder auch Gerhard Rühm, die ja auch das Wiener Kaffeehaus zu ihrem Wohnzimmer erklären konnten, in der Stadt, die das Kaffeehaus im eigentlichen Sinne erfunden hat im 19. Jahrhundert um, wie es der Schriftsteller Peter Altenberg um die Wende zum 20. Jahrhundert beschrieben hat „nicht zu Hause und doch nicht an der frischen Luft“ zu sein. Dass wir hier in der Bäckerei sogar an der Luft sitzen können, auch wenn sie nicht immer so frisch, derzeit eher kalt ist, steht auf einem anderen Blatt. Dieses Kaffeehaus stellt für unseren Künstler schon, und eben ein wenig auch im Sinne Marcel Duchamp’s eine besondere Form des „ready made“ oder „objet trouvé“ dar. Das Skulpturale der Fountain, des Pinkelbeckens von Duchamp beispielsweise, wird hier erweitert um einen Ort der Begegnungen, ein Kaffeehaus, den Ort des Müssigganges, welches der Künstler zur „sozialen Plastik“ im Sinne von Joseph Beuys erklärt. Nach Beuys kann demnach jeder Mensch durch kreatives Handeln zum Wohl der Gemeinschaft beitragen und dadurch „plastizierend“ auf die Gesellschaft einwirken. Ob dies hier an diesem Ort über die blosse Schwätzerei hinaus wirklich so stattfindet, das mag ich (noch) nicht beurteilen. Aber auch das Geschwätz erfüllt gelegentlich eine soziale Funktion, wie jede Form der Kommunikation.

 

Wir brauchen in der Fortführung der Ideen von Beuys eine sozial verantwortliche Kunst und Kultur, die sich nicht zurückdrängen lässt gegenüber Kommerz und Repräsentation, neben Kunstangeboten für die Pseudoeliten, neben der Erlebniskultur. Es geht nicht darum, ob meinesgleichen Musicalbesucher oder Gäste der „O2Arena“ für dumm halten. Nein, die Menschen in der Eventkultur sind nicht dumm, sie werden aber von den Managern der Kultur- und Freizeitindustrie mit grossem Geschick für dumm verkauft, indem sie ihnen Dummes verkaufen und sich dabei gerne auf die „Akzeptanz“ ihrer Produkte bei den Konsumenten berufen, die entfesselte Kommerzialisierung des Kunstbetriebs, die Trivialität des Marktes. Mit der Direktversteigerung seiner eigenen Werke für 140 Millionen EURO hat Damien Hirst soeben einen Exterembeleg dafür vorgeführt. Hier gegen steht eine Seinsfrage wie eben die nach

„... oder die Kunst, einfach da zu sein?“ den Titel dieser Aktion, dem ich ein Fragezeichen angefügt habe.

 

Es geht eben nicht darum, dass sich Kunst und Kultur heutzutage ununterbrochen vor einer Politik legitimieren sollen, die selten mehr ist als die Lobby von Industrie und Handel, sondern darum, dass Künstler mit subversiven Aktionen beispielsweise den inhumanen Raubtierkapitalismus bzw. Ökonomie und Politik in Frage stellen (müssen).

 

Nun könnte man im Sinne der klugen Nichtsnutze oder gar der Schnorrer dazu feststellen, dass der Künstler – hier also Peter Kees - möglicherweise sich so seinen Kaffee, sein Bier, seinen Tisch mit Gebäck oder kleiner Brotzeit zum kostenfreien Vergnügen erschleichen wollte. Die Berliner Boheme lässt grüssen? Aber ganz so einfach ist es nicht, zumal die heutigen Künstler sich ihr Essen und Trinken selbst bezahlen müssen und wollen. Und Müssiggang ist ganz und gar nicht, wie es im bekannten Sprichwort heisst, „aller Laster Anfang“. In Zeiten, da zur Erzeugung der notwendigen Güter immer weniger Arbeit erforderlich ist, lautet die allgemeine Forderung heute nicht „weniger Arbeit für Alle", sondern „mehr Arbeit für weniger Menschen“ auch (leider) statt „Kultur für alle!“ Während Arbeit das Kürzel für fremdbestimmtes Tun darstellt, zielt Musse auf selbstbestimmtes Leben und Müssiggang kann produktive Phantasien freisetzen, die eben nicht nur Verwertungsprozessen unterworfen sind, sondern sich der Fortentwicklung des menschlichen Miteinander widmen.

 

Möglich ist aber auch - ich spekuliere einmal frei Schnautze -, dass hier Wandlungsprozesse der Urbanität darstellbar werden, die Freiräume in der Stadt, die noch gerade ein wenig Allgemeingut und öffentliche Orte darstellen, wie sie Jürgen Habermas in seiner Habilschrift „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ als bürgerliche Errungenschaften bereits 1962 beschrieben hat.

 

Mit der modernen Urbanisierung im Zuge der Industrialisierung im 19. Jahrhunderts haben sich Entfremdungsprozesse in die menschliche Interaktion eingeschlichen, die ihre Ursachen in den Auswüchsen des fortgeschrittenen Kapitalismus und der Ökonomisierung und Verdinglichung unserer Lebenswelt haben. Der amerikanische Soziologe Richard Sennett bietet darüber hinausgehende Erklärungen an, die sich auch mit der sich verändernden städtischen Architektur sowie der gesellschaftlichen Ansichten und deren entsprechenden Ausdrucks- und Umgangsformen während der letzten drei Jahrhunderte auseinandersetzen. Bereits in seinem 1977 erschienen Buch „Verfall und Ende des öffentlichen Lebens. Die Tyrannei der Intimität“ stellt er zum Beispiel die These auf, unserer Gesellschaft würde es eher an Distanz als an Nähe mangeln, sie sei geprägt von einer „intimen Sichtweise“, deren Folgen u.a. die zunehmende Trennung zwischen privatem und öffentlichem Leben sind. Öffentliche Orte – z. B. ein Kaffeehaus als Treffpunkt im Sinne Altenburgers Wohnzimmer -, an denen Nachdenken im Verbund mit zwischenmenschlicher Kommunikation zwangfrei stattfinden können, gewinnen in diesem Sinne einen beinahe therapeutischen Charakter. Damit will ich es belassen Sie mit Hinweisen auf Theorien zu belasten und auf das blosse „einfach da zu sein“ zurückführen.

 

Peter Kess beschäftigt sich u.a. (seit langem) immer wieder mit der Frage „zu sein, raum- und zeitgebunden, an einem bestimmten Ort, zu einer bestimmten Zeit und damit Strukturen vorzufinden, die man sich erst einmal so nicht ausgesucht hat. Individuum versus Strukturen.“ Er sagt dazu im Weiteren „Was mir natürlich gefällt, ist, dass sich immer wieder Eigenheiten bilden, dass es solche Fundstücke wie die Bäckerei Kollwitz gibt. Dinge, die eigene Strukturen entwickeln ... ja und damit einen Teil des Ganzen bilden.“

 

Ich würde dazu ergänzen wollen, dass die soziale Zusammenkunft in der Bäckerei nicht nur zufällig ist. Ein nicht ganz so schicker Laden zieht die nicht so schicken Leutchen vom Prenzelberg, die es eben auch (noch?) gibt, an, wo doch das Umfeld längst gentrifiziert ist, wie es so schön neudeutsch heisst. Das heisst auch, dass Peter Kees da ein Sein als object trouvé definiert, dass so von ihm (geistig/ in seiner Phantasie oder meinetwegen gelegentlich auch produktiven Spinnerei) bearbeitet ist, wie das Pissoir/Fountain von Marcel Duchamp. Dies hat Duchamp nämlich durchaus auch ein wenig bearbeitet, zugerichtet für seine Zwecke der Aufmerksamkeit. So also richtet Kees auch seine inszenierte Fotografie als inszenierte Dokumentation des Kaffee-Alltags ebenfalls zu. So können wir also die Strukturen jetzt definieren, suchen oder herstellen. Lasst uns darüber einen Faden der Ariadne spinnen und wir kommen vielleicht nach Arkadien oder zumindest nach Naxos. Dies ist auch so ein Projekt von Peter Kees - die „Arkadische Botschaft“ -, aber dazu können Sie ihn hier und jetzt selbst befragen.

 

Es soll hier übrigens unter den Stammgästen des Kaffeehauses auch eine Schriftstellerin geben, die gerade auf Naxos weilt, die dort sogar ein Haus haben soll, vielleicht kommt sie bald mit einem neuen Faden zurück hierher?

 

Berlin, 25. September 2008               

Rolf Külz-Mackenzie

 

© Alle Rechte beim Autor: Rolf Külz-Mackenzie, Berlin 2008

 

 

in Zusammenarbeit mit der Galerie